Diese Arbeit braucht kein Mensch? – der Kommunikator als Stimmungsmanager

Für erfahrene Praktiker unserer Disziplin ist es keine Neuigkeit: PR-Manager werden dafür bezahlt, sich auch um Dinge zu kümmern, für die keiner zuständig ist. Der Bogen reicht von diffusen Kooperationsanfragen ohne klare Adressaten über in Sütterlin verfasste zahlenmystisch begründete Kundenbeschwerden bis hin zu der mit allerlei Fallstricken versehenen alljährlichen Schicksalsfrage: Wie gestalten wir die Weihnachtskarte? Die Problemstellung reicht aber tiefer. Es gehört zur Berufsbeschreibung des Kommunikationsmanagers Verantwortung zu übernehmen, wo es keine individuelle Verantwortung gibt. Oder glaubt jemand ernsthaft, das öffentliche Ansehen einer Organisation hinge von einer einzelnen Person ab oder ließe sich vom archimedischen Punkt des Kommunikationsmanagements aus beliebig gestalten?

Vermutlich ist die Unmöglichkeit der Aufgabe auch der Grund dafür, warum wir alle es so schwer damit haben, der Familie, Freunden und manchmal auch uns selbst zu erklären, worin eigentlich unser Wertbeitrag besteht. Der amerikanische Ethnologe David Graeber hält sich hier mit weiterer Differenzierung nicht auf und reiht die Arbeit von PR-Leuten und Lobbyisten in seinem neuesten Buch mit dem sprechenden Titel „Bullshit-Jobs“ (2018) in die Kategorie von überflüssigen Aufgaben mit allenfalls ritueller Funktion ein. Dabei gehören die Unternehmenskommunikatoren zum Grundtypus der sogenannten Schläger, deren Arbeit zentral ein „aggressives Element“ beinhalte. Auch wenn uns damit die Zuordnung zu den Lakaien, Flickschustern, Kästchenankreuzern und Aufgabenverteilern erspart bleibt, so ist das Urteil doch wenig schmeichelhaft. Jürgen Kaube verweist in der FAS auf die Argumentation von Graeber und titelt: „Diese Arbeit braucht kein Mensch“.

Man kann sich mit dieser Sichtweise auf verschiedene Arten auseinandersetzen. Zunächst einmal ist die professionelle Unternehmenskommunikation nicht im gesellschaftlichen Vakuum entstanden. Das würde sich, vor allem in der Wirtschaft, mit dem Ziel der Kostendisziplin kaum vertragen. Der Ressourcen-Aufbau in den Unternehmen, wie er in Deutschland seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts stattgefunden hat, war eine Reaktion auf den gesellschaftlichen Wandel. Der Historiker Bernhard Diez von der Universität Mainz schreibt hierzu: „Für die Unternehmen war ´1968´ eine mediale und politische Provokation, auf die … zunehmend auch mit Dialogbereitschaft, professionalisierter Öffentlichkeitsarbeit und schließlich mit Absorption von Kritik und Reformbereitschaft geantwortet wurde“.

Kommunikationsmanager vermitteln traditionell zwischen den – meist von Medien vorgetragenen – Erwartungen der Gesellschaft und den Interessen ihre Organisation. Diese Aufgabe besteht nicht zuletzt in der seismographischen Aufzeichnung und Bewertung von relevanten kommunikativen Schwingungen. Spielt schon dabei die Fähigkeit zur Empathie im Umgang mit kritischen Anspruchsgruppen eine wesentliche Rolle, so sind die Anforderungen an das Einfühlungsvermögen im Umgang mit internen Stimmungslagen mindestens ebenso groß. Dies um so mehr als die Menge der von außen an eine Organisation und ihre Führung herangetragenen Reize permanent zunimmt. Der kapitalismuskritische Guy Debord würde sich in seiner schon 1967 formulierten These bestätigt fühlen, daß das „permanente Spektakel zur Weltanschauung“ geworden ist. Der Philosoph Christoph Türcke (2002) spricht von der „erregten Gesellschaft“.

Tatsächlich besteht eine der wesentlichen Aufgaben des professionellen Kommunikators darin, Stimmungen zu managen und Erregungen zu bewältigen, damit – vereinfacht gesagt – die Organisation und ihre Führung einen kühlen Kopf behält. Dafür braucht es emotionale Intelligenz und auch gute Kenntnis der eigenen Persönlichkeit. Wer schon einmal den Fragebogen des HOGAN Assessments zum Persönlichkeitsprofil ausgefüllt hat, weiß was ich meine.

Die Arbeit des PR-Managers ist damit exakt das Gegenteil des Graeberschen Schlägers. Er sortiert Kritik ein, trennt Polemik von wesentlichen Punkten, unterscheidet zwischen allgemeinen Anwürfen und persönlichen Angriffen. In Politik und Wirtschaft wird mit hohem Einsatz gekämpft und die Akteure sind in ihrem direkten Gestaltungsbereich sehr wirkmächtig. Das mögliche Ohnmachtsgefühl angesichts harscher Kritik von außen bedarf der Bewältigung, um – im Zeitalter der Sozialen Medien leicht mögliche – publizistische oder rhetorische Übersprungshandlungen zu vermeiden. Heinrich von Kleist hat die entsprechenden Risiken schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts in seinen Gedanken „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ klar erkannt: „Ich glaube, daß mancher große Redner, in dem Augenblick, das er den Mund aufmachte, noch nicht wusste, was er sagen würde“.

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