Narrative Auswege aus medialen Echo-Räumen

Populistische Positionen gewinnen immer breitere Zustimmung. Angela Merkel spricht von einem „postfaktischen Zeitalter“. Neue narrative Auswege aus den medialen Echo-Räumen sind dringend erforderlich.

„Wir sind vielleicht nur zwei bis drei schlechte Wahlentscheidungen vom Ende der liberalen Weltordnung entfernt“ – mit diesem Kassandraruf schreckte Anne Applebaum, die renommierte Kolumnistin der Washington Post, im März ihre Leser auf. Sorgen bereiteten ihr das damals noch anstehende Brexit-Referendum, die US-Präsidentschaftswahlen im Herbst und die französische Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr. Wenngleich man der Charakterisierung eines demokratischen Wahlergebnisses als gut oder schlecht allemal skeptisch begegnen muss, so sind die politischen Konstellationen, auf die Applebaum sich bezieht, ohne Frage bedenklich. In den jeweiligen Debatten gewinnen populistische Positionen unerwartet breite Zustimmung, und die etablierten Parteien finden keine angemessenen kommunikativen Strategien zur Reaktion. In der Folge werden Wahlergebnisse möglich, die selbst die Meinungsforscher (wie in den UK) überraschen. Besorgniserregend ist dabei vor allem, dass auch Fakten ihre Rolle als probates Mittel zur Beruhigung der Gemüter verloren haben.

Wie informieren wir uns?

Was sich hier als neues Phänomen der öffentlichen Meinungsbildung entfaltet, haben die neuesten Ergebnisse des „Edelman Trust Barometer“ im Januar 2016 bereits angedeutet: Zwischen den gut informierten Eliten und den breiten Bevölkerungsschichten entsteht eine wachsende Vertrauenskluft. Gemessen am Vertrauen in Regierung, Wirtschaft, Nichtregierungsorganisationen und Medien – als wesentliche gesellschaftliche Akteure – zeigt sich ein Unterschied von zuvor nie gemessenen 12 Indexpunkten zwischen Informationselite (60) und breiter Bevölkerung (48). Und noch ein weiteres interessantes Ergebnis der Studie: Unter den drei wichtigsten genutzten Medien der Gesamtbevölkerung sind mit Internet-Suche und Social Media gleich zwei Informationsquellen, die sich nicht an klassischen journalistischen, berufsständischen oder gar wissenschaftlichen Qualitätsstandards orientieren.

Mit rationalen Argumenten (allein) ist die Vertrauenskluft nicht zu überwinden. Die Menschen suchen in einer zunehmend komplexen und im Sinne Max Webers „entzauberten“ Welt nach Orientierung, Perspektive und Sinn. Im Zusammenhang mit den sich vor allem durch Flüchtlinge dramatisch beschleunigenden Migrationsbewegungen, die ja zu einem der wesentlichen von Populisten missbrauchten Themenfelder gehören, sprach der stellvertretende UN-Generalsekretär Jan Eliasson kürzlich auf dem World Humanitarian Summit der Vereinten Nationen von der Notwendigkeit eines „new narrative“, das die Chancen der Einwanderung wieder stärker in den Vordergrund rückt.

Narrative für breite Zielgruppen

In der Vergangenheit war Populismus vor allem Folge von begrenztem Informationszugang. Heute ist er nicht zuletzt Folge des Mangels an relevanten und überzeugenden Narrativen – also sinnstiftenden Erzählungen -, die unangenehme Wahrheiten und potentielle Gefahren nicht aussparen, aber zugleich eine Perspektive aufzeigen, um die verfügbaren Fakten einzuordnen.

Wer breite Zielgruppen erreichen will, muss Narrative anbieten. Bei der jüngsten Untersuchung des Reputation Institute zu den Prioritäten bei der Verbesserung der Firmenreputation landete „Ein Märkte und Anspruchsgruppen überspannendes Narrativ vom Unternehmen vermitteln“ auf der Spitzenposition. Im Umgang mit solchen Narrativen – ihrer Entwicklung durch effektives Kommunikationsmanagement, aber auch ihrer kritischen Begleitung durch Qualitätsjournalismus, der nicht nur Meinungstrends dokumentiert, sondern klärende Debatten zwischen Narrativen führt und anführt – liegt der Ausweg aus einer von Vorurteilen und Vereinfachungen verzerrten öffentlichen Debatte. Denn über dem Notausgang aus den medialen Echo-Räumen prangt der Schriftzug: die „Verzauberung der Welt“.

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