Offene Gesellschaft ohne Kommunikatoren?

Journalisten beklagen ein wachsendes Missverhältnis zwischen den PR-Etats großer Unternehmen und ihren Anzeigenschaltungen. Die gedanklichen Wurzeln dieses Unwohlseins mit der PR reichen zurück bis in die soziologischen Debatten der sechziger Jahre.

Als Markus Wiegand, Chefredakteur des Branchenmagazins „Wirtschaftsjournalist“, ein wachsendes Missverhältnis zwischen den PR-Etats großer Unternehmen und den Anzeigenschaltungen in der Wirtschaftspresse beklagte, ging ein vernehmliches Raunen durch die Reihen der Unternehmenskommunikatoren. Dabei war seine Beschreibung der PR-Leute in Unternehmen und Agenturen als „Parasiten vom Dienst“ zwar besonders drastisch – die von ihm zum Ausdruck gebrachte Skepsis gegenüber professioneller Kommunikationsarbeit der Wirtschaft aber keineswegs neu.

Die Klagen, die in den vergangenen Jahren zunehmend laut wurden, werden in der Regel unter dem Hinweis auf das vermeintliche zahlenmäßige Erstarken der PR-Branche gegenüber dem Journalismus vorgetragen. Dabei sind für Deutschland verlässliche Zahlen kaum zu ermitteln. Nimmt man die Mitgliederzahlen der entsprechenden Verbände, Gewerkschaften und berufsständigen Organisationen zum Maßstab, dann stehen rund 10.000 professionellen Kommunikatoren rund 40.000 freie und festangestellte Journalisten gegenüber. Auch wenn die tatsächlichen Größenordnungen in beiden Berufsfeldern höher liegen dürften, so scheinen wir noch nicht wirklich „auf dem Weg zur PR-Republik“, wie der Journalist Peter Podjavorsek in einem Feature für Deutschlandradio spekuliert hat.

Schlechtest Zeugnis von Habermans

Die gedanklichen Wurzeln des Unwohlseins kritischer Kommentatoren wie Wiegand und Podjavorsek mit der PR reichen zurück bis in die soziologischen Debatten der sechziger Jahre und berühren letztlich die Frage, wer mit welcher Legitimität und welchen Mitteln ausgestattet, einen Beitrag zur Herstellung von Öffentlichkeit leisten darf. Jürgen Habermas hat diese Frage 1962 in „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ umfassend behandelt und der PR auch gleich ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt: „Der Absender (von PR) kaschiert in der Rolle eines am öffentlichen Wohl Interessierten seine geschäftlichen Absichten“.

Ein halbes Jahrhundert später wird die grundsätzliche Infragestellung der gesellschaftlichen Wertstiftung von PR zwar differenzierter vorgetragen, das Störgefühl scheint aber unverändert. So verschlägt es dem kommunikativen Praktiker geradezu den Atem, wenn die Fachgruppe „Kommunikations- und Medienethik“ der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft zu ihrer Jahrestagung 2016 (Thema: „Die Macht der strategischen Kommunikation“) u.a. mit der These einlädt, „dass die Frage, unter welchen Umständen und ob überhaupt strategische Kommunikation und PR ethisch zu rechtfertigen sind, weiter im Raum steht“.

Die offene Gesellschaft braucht beides

Besonders unangebracht ist dieser Hang zur Karikatur der Arbeitsweise von zeitgemäßem Kommunikationsmanagement, weil eine gesunde Balance von Journalismus und PR geradezu konstituierend bei der Herstellung öffentlicher Meinung wirkt. Die Legitimitätsbelege auch für interessengeleitete Kommunikation liegen in der – von Karl R. Popper bereits 1945 unter dem Eindruck der Katastrophe totalitärer Staaten beschriebenen – „offenen Gesellschaft“ auf der Hand. Der langjährigen Bundesverfassungsrichter Wolfgang Hoffmann-Riem hat bereits 2011 im Rahmen einer Veranstaltung der Akademischen Gesellschaft für Unternehmensführung und Kommunikation darauf hingewiesen, dass auch Unternehmenskommunikation verfassungsrechtlichen Schutz genießt: „Unternehmensbezogene und öffentlich-staatliche Kommunikatoren … stehen gemeinsam in der Verantwortung, den gesellschaftlichen Akteuren Orientierung zu geben“. Journalisten haben also kein Monopol auf Artikel 5 Grundgesetz, oder um es mit Perikles von Athen zu sagen, den Popper als Kronzeugen für eine offene Gesellschaft ohne Deutungsmonopole aufruft: „Nur wenige sind fähig, eine politische Konzeption zu entwerfen und durchzuführen, aber wir sind alle fähig, sie zu beurteilen“.

Foto: © Wolfram Huke, http://wolframhuke.de // CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

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