Ohrenbetäubende Stille und beredtes Schweigen: Ruhe als mächtiges Kommunikationsmittel

Ludwig Wittgensteins Tractatus Logico Philosophicus zu den Grenzen der sprachlichen Präzision bei der Beschreibung vermeintlich objektiver Tatsachen endet mit dem zwischenzeitlich sprichwörtlichen Schlusssatz „Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen“. Der österreichische Philosoph hat damit vor ziemlich exakt 100 Jahren den sogenannten linguistic turn in der Philosophie ausgelöst, der vermeintlicher Exaktheit geschriebener und gesprochener Sprache mit Skepsis begegnet. Der Aufruf zur Stille – oder zumindest zum Innehalten – angesichts thematischer Komplexität erscheint für den Kommunikator im digitalen Zeitalter mit seinen zeitlich und räumlich unbegrenzten Austauschmöglichkeiten auf den ersten Blick geradezu absurd. Und es wundert daher auch nicht, wenn es bei der Behandlung wirkmächtiger Kommunikationsstrategien und effektiver PR-Instrumente eigentlich immer um das pro-aktive Senden geht und nur selten um das aktive Zuhören – oder gar die bewusste Stille bzw. das gezielte Schweigen.

Damit steht die gängige Praxis der Kommunikationsabteilungen und -agenturen eigentlich in deutlichem Widerspruch zu den Anforderungen der wirtschaftlichen Postmoderne. Wo Legalität von Legitmität als zentraler Beurteilungsmaßstab wirtschaftlicher (und politischer) Handlungen abgelöst wird und an die Stelle von passiven Ziel- aktive Anspruchsgruppen treten, wird Empathie zum zentralen Erfolgsfaktor wie Daniel Goleman („Emotionale Intelligenz“) und Jeremy Rifkin („Empathische Zivilisation“) bereits überzeugend dargestellt haben. Tatsächlich fühlen sich viele Kommunikatoren aber im Ruhezustand eher unwohl, prägen daher Laut-Sprecher unsere Disziplin mehr als Fern-Seher (Klein-Bölting / Klewes 2010). Das ist um so erstaunlicher als die Schwerpunktverlagerung vom Monolog zum Dialog, von der Beschallung zu Augenblicken der Stille und damit insgesamt vom Senden zum Empfangen zugleich eine Rückbesinnung auf die Ursprünge des Marktgeschehens darstellt. Das Cluetrain-Manifest für das digitale Zeitalter verwies 1999 schon mit seinem Titel Markets are Converstations auf den kommunikativen Nahkampf, der seit jeher wirtschaftlichen Austausch prägt und nur durch die Produktions- und Kommunikationsbedingungen des industriellen Zeitalters vorübergehend überlagert wurde.

Wer aber Dialog anstrebt, der muss zuhören können und wer zuhören will, muss auch Stille ertragen. Eigentlich sind die Voraussetzungen dafür gut, denn das Innenohr ist das einzige Organ, das seine endgültige Größe erreicht hat, bevor wir geboren werden. Und dennoch bedeutet Stille für viele PR-Manager weiße Folter. Am stillsten Ort der Welt in den Orfield Laboratories in Minnesota (-9 Dezibel im Vegleich zu 30 Dezibel in einem durchschnittlichen Schlafzimmer) hält es ein Mensch maximal 45 Minuten aus. In vielen Kommunikationsabteilungen scheint der Geduldsfaden deutlich kürzer. Dabei ist Stille nicht nur Voraussetzung für gelungenen Dialog, sondern auch ein mächtiges Kommunikationsinstrument, mit dem man gerade in lauten weil digitalen Zeiten Kontrapunkte setzen kann. Redensarten und Sprachfiguren wie die „Ruhe vor dem Sturm“, die „ohrenbetäubende Stille“ und das „beredte Schweigen“ künden davon.

Zuhören und kommunikative Zurückhaltung erfordern allerdings Selbst-Bewusstsein, Offenheit für die Position des Anderen und Geduld. Zudem muss die Befähigung zum kommunikativen Empfang auch organisatorisch verankert werden. Der australische PR-Wissenschaftler und ehemalige CEO eines Medien-Evaluationsunternehmens, Jim Mcnamara, spricht von den Architectures of Listening, die jedes Unternehmen benötigt und meint damit nicht nur technologische, sondern auch menschliche und institutionelle Kompetenzen. Anders gesagt: natürlich helfen neue Möglichkeiten des Monitorings und der Evaluation, aber hier werden oft nur Signifikanz inklusive medialer Echo-Effekte und interessengeleiteter Kampagnen ermittelt. Wichtiger zum Auspüren zukünftiger Trends ist hingegen oftmals die im Zweier- oder Gruppengespräch erfasste Relevanz.

Geradezu existenziell bedeutsam wird das Innehalten und Zuhören in Erfolgsphasen, wenn maximale Fallhöhe erreicht ist, wenn sich im einstimmigen Umfeld der Unterstützer ein gegenläufiger advocatus diaboli zeigt oder wenn sich die Tonlägen ändern – innen wie außen. Von Ludwig Wittgenstein stammt auch die Aussage „Worte sind Taten“. Und daher sollte man sparsam mit Ihnen umgehen – auch und gerade im Kommunikationsmanagement.

2 comments On Ohrenbetäubende Stille und beredtes Schweigen: Ruhe als mächtiges Kommunikationsmittel

  • Peter Christian Lang

    Sehr geehrter Herr Erhart,

    „si tacuisses, philosophus mansisses“ (wenn Du geschwiegen hättest, wärest Du ein Philosoph geblieben) – Gegen diese antike Weisheit, die Sie selbst beschwören, verstoßen Sie leider selber aufs Heftigste. Allein Ihr Umgang mit den beiden Wittgenstein-Zitaten weisen Sie – wenn ich das so sagen darf – als mehr als fahrlässigen Zitierer aus. Der Schlusssatz des Tractatus, des wittgensteinschen Frühwerks, lautet „Wovon [nicht „worüber“] man nicht reden kann, darüber muss man schweigen“. Und dieser Satz ist gerade im gegenteiligen Sinne gemeint, nämlich im Interesse einer exakten, abbildenden Sprache. Der „lingustic turn“ in der Philosophie des 20. Jahrhunderts ist keine skeptische Position, sondern meint allein die (erkenntnistheoretisch) motivierte Hinwendung zur Sprache und ihrer Analyse. Und das Zitat „Worte sind Taten“ stammt in dieser Formulierung auch nicht von Wittgenstein. In seinen (späten) „Philosophischen Untersuchungen“, die sich in vielerlei Hinsicht als Gegenposition zum Tractatus verstehen lassen, heißt es „Worte sind auch Taten“ (§ 546).

    Mit solch schlampigen, miss- und falschverstehenden Zitaten tun Sie Ihrer eigenen Sache keinen Gefallen. Hätten Sie sich diese falsch in Anspruch genommenen Autoritäten gespart, könnten Ihre Ansichten, die ich nicht beurteilen will, mehr argumentatives Gewichrt beanspruchen. Schade, dass Sie dieser Unart, sich mit großen Namen schmücken zu wollen, gefolgt sind.

    Mit freundlichen Grüßen
    Peter Christian Lang

    • Sehr geehrter Herr Lang,
      tatsächlich war ich – offensichtlich im Gegensatz zu Ihnen – nie Philosoph und werde es – Ihrem Urteil nach – wohl auch nicht mehr. Für Ihre Hinweise zu den Originalzitaten danke ich. Wittgensteins Plädoyer für (!) eine exakte Sprache (oder eben Schweigen) habe ich wohl verstanden und das ist exakt mein Punkt. Und dass der „linguistic turn“ in sich selbst keine Sprachskepsis birgt, liegt in der Natur der Sache. Er hat aber – im Ergebnis – die Sensibilität im Umgang mit Sprache als Instrument der Behandlung komplexer abstrakter Sachverhalte deutlich erhöht. Und so wollte ich verstanden sein.
      Mit freundlichem Gruß
      Christof Ehrhart

Leave a reply:

Your email address will not be published.