Renaissance oder Techlash? – Die digitale Revolution frisst ihre Kinder

An der Schwelle zum 21. Jahrhundert wurde die Digitalisierung im Allgemeinen und das Internet als neues Massenmedium im Besonderen mit allerlei Heilsversprechen begrüßt. So verbrachte Peter Glaser 1996 mit seinen Lesern „24 Stunden im 21. Jahrhundert“ und stellte fest: „Der Mensch beginnt mit der gemeinschaftlichen Eroberung seiner Intelligenz und der weiten Areale des Geistes.“

Rund zwei Jahrzehnte später ist die digitale Zukunft angesichts von Datenmissbrauch, Meinungsmanipulation und Hypertransparenz in sozialen Medien in Verruf geraten. Die Anhörung von Facebook-CEO Mark Zuckerberg vor dem amerikanischen Kongress war vorläufiger Höhepunkt dieser Techlash getauften Ernüchterung nach der digitalen Party. Der Wirtschaftsjournalist Patrick Bernau hat die späte Erkenntnis treffsicher auf den Punkt gebracht: „Wo die digitale Technik menschliche Schwächen verstärkt, da entstehen ganz neue Probleme.“ Für Anbieter wie Nutzer sozialer Medien will man hinzufügen.

Zu den Problemen, die der konsequent nachfrage-orientierten Logik digitaler Netzmedien entspringen und die auch dem Kommunikationsmanagement Kopfzerbrechen bereiten, gehört die Abkehr von Divergenz und Differenzierung. Im März 2018 veröffentlichten die MIT-Forscher Vosoughi, Roy und Aral im Magazin Science eine Studie zur Nachrichtenverbreitung auf Twitter, für die sie 126.000 Themenkaskaden mit insgesamt rund 4,5 Millionen bezogenen Tweets auswerteten. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Falsche Nachrichten verbreiten sich auf Twitter deutlich schneller als richtige, weil ihre Weiterleitung bzw. Kommentierung mehr Aufmerksamkeit generiert. Wer hier mit Verweis auf die altbekannte Regel der Medienmacher „Nur schlechte Nachrichten, sind gute Nachrichten“ gelassen abwinkt und zur Entspannung aufruft, verkennt den Ernst der Lage. Zum einen haben wir es hier mit einer Beschleunigung von Fehlinformation in nie bekanntem Ausmaß zu tun, zum anderen hat sich die Komplexität der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in den letzten Jahren deutlich erhöht.

Wir leben in einer Welt, in der die vorherrschende Managementaufgabe für Politik und Wirtschaft nicht mehr Problemlösung in einer Dichotomie von Richtig und Falsch ist, sondern vielmehr in der Bewältigung von Dilemmata besteht, bei denen regelmäßig Richtig auf Richtig bzw. Falsch auf Falsch trifft. Sollte sich hier ein Mediennutzungsmodell durchsetzen, das dem einzelnen Bürger nur noch die Informationen zuleitet, die seinen algorithmisch ermittelten Erwartungen oder seiner ganz archaischen Sensationslust entsprechen, dann ist die plurale Gesellschaftsordnung in Gefahr und mit ihr die demokratische Meinungsbildung genauso wie wertschöpfendes Unternehmertum. Wer in der Öffentlichkeit steht, wird keine Alternative haben, als seine Toleranzschwelle für kritische mediale Begleitung zu erhöhen, während er seine Dilemma-Behandlung im direkten Austausch mit Anspruchsgruppen regelmäßig neu kalibriert.

Wie tragisch diese Entwicklung ist, zeigt sich beim Blick auf die ungeheuren Chancen, die im Einsatz moderner (nicht nur) digitaler Technik zum Wohle der Menschheit liegen. Gefordert ist eine neue Perspektive, wie sie Ian Goldin in „Die zweite Renaissance“ (2016) und Steven Pinker in „Enlightenment Now“ (2018) einfordern. Beide stellen subjektiver Verzagtheit ob tatsächlicher oder vermeintlicher Krisen und Risiken überprüfbare Fakten zum stupenden menschlichen Fortschritt in der Moderne gegenüber.

Um sich trotz scheinbar glasklarer Belege für die Verbesserung der Lebenssituation von Menschen auch in Deutschland, dennoch gelegentlich die Augen reiben zu müssen, bedarf es aber keiner Rezeption sozialer Medien. Gert Wagner, drei Jahrzehnte lang als Direktor des Sozio-oekonomischen Panels, sozusagen der statistische Wegbegleiter des deutschen Michel, antwortet auf die Frage, warum man in der Öffentlichkeit so selten von den verbesserten Lebensbedingungen in  Deutschland höre: „Ich habe den Eindruck, viele Journalisten übertragen ihre schlechter gewordenen beruflichen Bedingungen auf die Republik.“

Der amerikanische Politikwissenschaftler Patrick Deneen macht aktuell mit seinem Buch „Why Liberalism Failed?“ Furore. Er treibt die bekannte These von der Unfähigkeit der repräsentativen Demokratie, ihre eigenen bürgergesellschaftlichen Werte und Grundlagen zu schaffen, weiter und argumentiert, dass ein ausschließlich staats- und marktgläubiger Liberalismus diese Basis sogar zerstört. Man muss sein Schreckensszenario nicht vollständig teilen, um zu erkennen, welche Rolle in diesem Zusammenhang digitale Medien bzw. deren Missbrauch spielen können.

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