Wahrnehmung und Wirklichkeit – mit Irritabilität und Responsivität gegen Demagogie

Digitale Meinungsblasen, wahrheitsfreier Diskurs, post-faktische Öffentlichkeit – Kommentatoren zahlen aktuell mit großer Münze aus, um die fortgesetzte Abstrafung etablierter politischer und wirtschaftlicher Eliten durch breite Teile der Bevölkerung zu erklären. Der Vorwurf lautet: Demagogen instrumentalisieren die Zukunftsängste von Menschen in einer zunehmend von Komplexität und raschem Wandel geprägten Welt, in dem Sie die Realität einfach an ihre kruden Weltsicht anpassen. Dabei spiele Ihnen vor allem das Internet in die Hände, das mit allerlei technischem Blendwerk – wie etwa digitalen Chatbots – die entsprechenden Halbwahrheiten oder gleich auch komplette Lügen unter das ahnungslose Volk bringt. Unausgesprochen wird damit auch die These vertreten, dass es zuvor ein „faktisches Zeitalter“ gegeben habe, in dem wohl informierte Akteure in Medien, Politik und Wirtschaft im intellektuell redlichen Austausch miteinander und dem Bürger standen. Der Kommunikationsprofi reibt sich verwundert die Augen!

Tatsächlich gehört es zum Wesen des kommunikativen Austauschs, dass neben (vermeintlich) objektiven Realitätselementen wie Daten und Fakten auch subjektive Realitätsbezüge wie Wahrnehmungen und Gefühle transportiert werden. Die Welt hat eben eine sinnlich wahrnehmbare und eine geistige Dimension wie uns Platon in seinem Höhlengleichnis lehrt und der Mensch zieht vor allem in Zeiten der Unsicherheit die vertrauten Schemen der Halb-Wahrheit an der Wand dem präzisen, aber grellen Bild der Wahrheit vor. „Perception beats Reality“, sagen die PR-Leute und das ist weder zynisch noch diabolisch gemeint, sondern spiegelt die Kommunikationsbedürfnisse des Menschen vom Neandertaler bis zum Homo Digitalis wider.

Wer Menschen erreichen will, der muss Fakten liefern, aber er muss auch eine Geschichte erzählen können. So betont der US-Ökomom Pankaj Ghemawat im Zusammenhang der einseitig kritischen Diskussion über die Folgen der Globalisierung: „Geschichten sind im Gespräch viel wirksamer als Bezüge zu durchdachten ökonomischen Modellen“. Themenplanung spielt auch in der Unternehmenskommunikation eine zunehmend wichtige Rolle, wie man der jüngsten TOPKOM-Befragung von Claudia Mast (Universität Hohenheim) entnehmen kann. Bereits 77,2% der befragten Top-500-Unternehmen geben an „Themen aufzugreifen, die für Stakeholder spannend und unterhaltsam sind“. Leider steht bei der Themenplanung das geäußerte Interesse der in Rede stehenden Stakeholder mit 12,6% nur an vierter Stelle!

Die Gefahren der einseitigen Fokussierung auf empirische Fakten unter Vernachlässigung von orientierenden Narrativen nur für die Kommunikationspraxis zu konstatieren, springt aber zu kurz. Tatsächlich trifft dies auch auf den relevanten Wissenschaftsbetrieb zu. David Dozier, der in San Diego Public Relations lehrt und jahrzehntelange Praxis mit Dekaden der Lehre verbindet, brachte es im März im Rahmen der Annual International Public Relations Research Conference auf den Punkt: „Die PR-Professorenschaft beschäftigt sich zu sehr mit Forschung, die nicht über den Tellerrand hinausschaut, sondern immer detaillierte Fragen innerhalb des bestehenden Disziplinverständnisses beantwortet“. Dozier spricht in diesem Zusammenhang von „Normalwissenschaft“ und fordert den Mut, sich auf die Suche nach einem neuen, umfassenden Paradigma zu machen, das der PR eine glaubhafte Rolle im gesellschaftlichen Diskurs zubilligt. In anderen Worten: die PR braucht auch ein neues Narrativ und hier schließt sich der Kreis. Das „richtige“ Wissen parat zu haben, genügt nicht. Man muss es auch glaubhaft vermitteln und einordnen können. In Zeiten der gesellschaftlichen Anfälligkeit für Demagogie wächst damit gelungenem Kommunikationsmanagement auch eine gesellschaftliche Rolle zu, der wir fachlich (und normativ) gerecht werden müssen. Der junge Wissenschaftler Joachim Preusse hat hier in seinen jüngst veröffentlichten „Bausteinen systemtheoretischer PR-Theorie“ einen interessante Perspektive geschaffen. PR schaffe die „Gewährleistung organisatorischer Irritabilität und Responsivität“. Er liegt richtig: für Wirtschaft und Politik gleichermaßen.

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